
Wenn gewünschte Veränderungen uns aus der Bahn werfen
In der psychotherapeutischen Praxis wird der Begriff Anpassungsstörung häufig mit Belastung, Verlust oder Überforderung assoziiert. Dabei beschreibt er etwas zutiefst Menschliches:
die seelische Reaktion auf eine bedeutsame Lebensveränderung, wenn innere Stabilität vorübergehend ins Wanken gerät.
Eine Anpassungsstörung ist kein Defizit – sie ist ein Zeichen von innerer Bewegung.
Nicht nur Krisen fordern Anpassung
Oft wird unterschätzt, dass auch positive Veränderungen das psychische System stark beanspruchen können.
Ein Neubeginn, ein erfüllter Wunsch, ein neuer Lebensschritt , all das bringt nicht nur Freude mit sich, sondern auch Abschied.
Von Gewohntem.
Von Rollen.
Von Identitäten, in denen wir uns gut und sicher eingerichtet haben, wir genau wussten was zu tun ist.
Psychisch belastend ist dabei selten das Ereignis selbst, sondern die Gleichzeitigkeit widersprüchlicher Gefühle, welche oft verwirrend sein können.
Beides darf wahr sein
In meiner Arbeit begegne ich immer wieder Menschen, die sich selbst dafür verurteilen, dass sie sich „nicht freuen können“ und nach einer langersehnten Hochzeit oder Schwangerschaft zusammenbrechen und den Boden unter den Füssen verlieren.
Gesunde Anpassung bedeutet nicht, Emotionen zu kontrollieren oder zu relativieren.
Sie bedeutet, Ambivalenz zu erlauben. Und sich Zeit zu geben, so dass sich das neue integrieren kann.
Freude schließt Trauer nicht aus.
Dankbarkeit löscht Verlust nicht.
Ein richtiger Schritt kann sich trotzdem schmerzhaft anfühlen.
Persönliceh Erfahrung
Auch ich erlebe diese Ambivalenz aktuell sehr konkret.
Das Glück, Mutter zu werden, ist tief und erfüllend. Gleichzeitig bedeutet es, meine psychotherapeutische Praxis, meinen Seelenharfen für eine Weile ruhen zu lassen.
Einen Teil meiner Identität, meiner Struktur und meines täglichen Wirkens loszulassen.
Beides existiert nebeneinander.
Und genau hier zeigt sich für mich der Kern einer Anpassungsreaktion:
nicht als Krankheit, sondern als Übergangszustand.
Integration ist ein Prozess
Aus körper- und traumatherapeutischer Perspektive ist klar:
Das Nervensystem braucht Zeit, um sich neu zu organisieren.
Symptome wie Erschöpfung, innere Unruhe, Schlaf- oder Konzentrationsstörungen sind oft keine „Fehlfunktionen“, sondern Signale, dass ein innerer Umbau stattfindet.
Therapie bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, etwas „wegzumachen“, sondern:
- Halt zu geben
- Orientierung zu schaffen
- Selbstmitgefühl zu fördern
- und Übergänge bewusst Raum und Aufmerksamkeit zu geben.
Eine Anpassungsstörung zeigt oft nicht, dass etwas schief läuft –
sondern dass das Leben sich verändert.
Und Veränderung braucht Zeit, Raum und eine Haltung, die nicht urteilt, sondern Mitgefühl.
